Donnerstag, 3. Dezember 2009

The Patriot Game

Ich nehme jetzt einmal einen vorsichtig in moderne Sprache übertragenen Text und stelle eine Frage dazu:

Meine in den Ketten eines fremden Volkes schmachtenden Brüder! Der Augenblick ist gekommen, in dem Ihr die Fesseln abwerfen und eine Verfassung wiedererhalten könnt, unter welcher ihr seit Jahrhunderten glücklich gelebt habt, bis der unbegrenzte Ehrgeiz eines kühnen Eroberers unermeßliches Elend über das Vaterland verbreitete. Rafft Euch auf, folgt meinem Beispiel. Greift zu den Waffen! Sensen und Piken können die Stelle der Gewehre vertreten. Jeder soll zu den Waffen greifen, teilhaben am Ruhm der Befreier des Vaterlandes, für sich und seine Enkel Ruhe und Zufriedenheit erkämpfen!
Nun die Frage ... von wem stammt der Originaltext? Bitte wählen Sie unter:
  • Wolfe Tone
  • Robert Emmet
  • Patrick Pearse
  • James Connolly
  • Eamon de Valera
Wen haben Sie angekreuzt? Falsch! Auch wenn man den Text in irgendwelchen Brandreden irischer Nationalisten finden könnte, das Original stammt von einem Deutschen. Es ist der Aufruf "An die Deutschen" des Ferdinand Baptista von Schill.

In der ganzen Hermann-Euphorie des Jahres 2009 und auch angesichts des "Zwanzigjährigen" der Reisefreiheit wurde dieser deutsche Patriot irgendwie fast vergessen.

1809, also von zweihundert Jahren, führte er seine Soldaten gegen Napoleons Besatzungsheere ins Feld, verraten vom preussischen König und im Prinzip auf aussichtslosem Posten. Vielleicht eines der besten deutschen Beispiele für den "heroic failure", den die Iren so lieben. Und den Irlandfans so lieben, wenn sie von Stralsund nach Glasnevin pilgern, um am Grabe Roger Casements zu trauern.

Es gibt viele Parallelen ... denken wir nur einmal an die elf Schill'schen Offiziere, die die Franzosen in Wesel füsilierten. Wären sie auf Arbour Hill begraben, hätten sie heute eine treue deutsche Fangemeinde.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Galileo? Beelzebub has a devil put aside for you!

Dr Eamonn O’Donoghue warnt: Marienerscheinungen können Ihrer Gesundheit schaden! Wobei der Augenspezialist mit Praxis in Galway sich nur auf die physische Gesundheit bezieht. Denn er darf sich nun mit den Folgen der Visionen von Knock herumschlagen. Wir erinnern uns: Joe Coleman, Dubliner Hobbyprophet der Jungfrau, hatte wiederholt das Erscheinen der Muttergottes in Knock (wo auch sonst?) angekündigt und das Volk fuhr hin, um mit eigenen Augen zu sehen.

Zu sehen sollte sein: Die Königin der Himmel etwa in Richtung Sonne. Oder eine tanzende Sonne. Oder irgendwas mit Sonne. Irgendwas jedenfalls, man musste nur glauben und lange genug hinsehen.

Und so starrten die Menschen lange, lange in die Sonne. Bis einige tatsächlich etwas sahen. Was nicht verwunderlich ist, denn unser Sehorgan ist nicht zum Sonnengucken bestimmt und produziert nach einiger Zeit Trugbilder. Und wenn man ob dieser Trugbilder dann weiter in die Sonne starrt, dann ... ist es bald aus mit der guten Sicht! In seiner Praxis musste O’Donoghue bislang pro Jahr maximal einen Patienten mit so hervorgerufenen Augenproblemen behandeln. Dieses Jahr waren es schon fünf. Und alle waren in Knock zum Jungfraugucken gewesen ...

So schlägt denn Mutter Maria ihre irischen Anhänger mit Blindheit? Ein Martyrium der Sinne für den wahren Glauben? Eine Prüfung der Festigkeit des Glaubens? Eine Wunderheilung im Anzug?

Dr Eamonn O’Donoghue formuliert sein Fazit leicht anders:

Since the time of Galileo people have known that looking directly at the sun can do damage to your eyes.
Äh, Doktor ... mit Galileo gegen den Wunderglauben der Massen zu argumentieren ist wohl eher ... naja ... sagen wir 'mal "humorvoll".

By the way ... Samtag um 15:00 Uhr soll die Sonne wieder in Knock tanzen. Joe Coleman, Keith Henderson, die Dame in Pink und hoffentlich auch viele Verkäufer der Heiligen Sonnenbrille von Antiochia werden dabei sein.

Jim Fitzpatrick - Maler der Mythen

Dieser Tage stolperte ich einmal wieder über einen der bekanntesten und unbekanntesten Künstler Irlands: Jim Fitzpatrick. Bekannt, weil jeder Irlandfan und viele Anhänger des Classic Rock schon Bilder von Fitzpatrick gesehen hat. Noch bekannter, weil er, basierend auf einem Korda-Foto, eine der bekanntesten Grafiken des XX. Jahrhunderts schuf. Und vollkommen unbekannt, weil kaum jemand seinen Namen kennt. Er ist "der Typ, der die tollen keltischen Bilder gemacht hat".

Stimmt ... seine Visionen aus der irischen Mythologie sind nach wie vor ungeschlagen. Auch wenn etwa Cesair wenig hebräisch aussieht und anscheinend von Wikingern begleitet wird. Seine Männer sind stark, heroisch und in keltischen Gewändern, wie der Fan sie will. Seine Frauen sind ... ja, schlicht sexy. In einer Definition des Wortes aus den 1970ern. Als auch durchsichtige Nachthemden als Standardbekleidung noch politisch korrekt waren.

Ich persönlich schwanke immer ... irgendwann hat man sich an Fitzpatricks Heroen und Hotties sattgesehen, man braucht dann wieder Pause. Aber irgendwo stellt er die irische Mythologie auch so dar, wie man sie sehen will. Abseits der historischen Gegebenheiten, oft auch abseits realistischer Anatomie. Und seine Arbeiten für Thin Lizzy gehören immer noch mit zu den besten Plattencovern der Geschichte, geschlagen nur von Roger Dean.

Den grössten Mythos allerdings schuf Fitzpatrick mit einem Iren in der Diaspora - Che Guevara. Hätte Jim für jede Verwendung seiner Grafik auch nur einen Cent gesehen, würde er heute wohl NAMA aus der Portokasse kaufen können ...

Dienstag, 1. Dezember 2009

Das übliche Gejammer ...

Nun ist der Traum wohl schon wieder aus, Irland (26 counties) fliegt nicht zur Fussball-WM (32 countries) in Südafrika. Schon bevor die FIFA den endgültigen Gnadenschuss gibt, sagte der Generalsekretär Jerome Valcke zur irischen Idee eines Sonderplatzes: "It is impossible."

Wer jetzt aber damit rechnen würde, dass sich die Iren mit etwas Würde leise zurückziehen, der läge falsch. Immerhin hat man mit Sepp Blatter ja einen Buhmann gefunden. Klar, der greise Eidgenosse hält den Daumen auf alte Regeln, aber eine post-factum-Änderung der Regeln ist schlicht keine Lösung. Das unbenommen gibt der Mann eine gute Zielscheibe ab und wird so nun auch (zumindest zeitweise) Oliver Cromwell in der kollektiven irischen Psyche ablösen.

Fast wie aus dem Drehbuch liest sich dann auch Liam Bradys Ausbruch der Eloquenz vom heutigen Tage. Der Mann, der im Management der Nationalmannschaft die zweite Geige spielt, machte viel Lärm:

"I think when we asked for that we knew there was very little chance of that happening. I’m afraid Mr Blatter is a law unto himself. I thought it was very disrespectful how he presented this fact."
Okay ... Blatter hat die irische Nachfrage nach einem 33. Platz an der Sonne also etwas durch den Kakao gezogen. Aber die Iren haben auch, das sagt selbst Brady, nie ernsthaft damit gerechnet, dass sie so zur WM kommen. Warum also musste man eine offizielle Sache aus einer Schnappsidee machen?

Und warum muss man hinterher heulen und sich als falsch verstandene Unschuld geben, wenn ein offizieller Antrag öffentlich wird?

Que sera, sera ... das Budget naht!

Im Vorfeld des neuen irischen Haushaltsplanes, auch griffig "Budget" genannt, scheint sich mancher Mensch schon einen Führungsplatz beim entrüsteten die-Wände-hochgehen sichern zu wollen. Die Diskussion um ungelegte Eier wird von allen Seiten angeheizt und in jedem Medium mehr oder minder berufen geführt. Und mit den Gerüchten ist es wie mit Arschlöchern ... jeder hat eins und je mehr man es benutzt, desto mehr Scheisse häuft sich an. Fakt ist ... dass wir gar nichts wissen, vieles ahnen und noch mehr befürchten. Fakt ist aber auch, dass selbst die Dubliner Junta weiss, dass das Land komplett mit dem Rücken zur Wand steht. Zweckoptimismus einmal ausgenommen.

Was also wird passieren?

Sicherlich werden wir alle weniger Geld in der Tasche haben. Daran gibt es für mich keinen Zweifel. Und, ich bin ehrlich, dagegen kann ich oft auch nur wenig sagen. Bevor die falschen Kolportagen laufen ... ich bin wahrlich kein Krösus und ein Verlust von zwei oder drei oder fünf Prozent Realeinkommen würden mich auch nicht ganz unbeleckt lassen. Andererseits weiss ich objektiv, dass ich diesen Verlust verkraften kann. Noch. Gerade so. Und natürlich mit Murren.

Die Frage ist jedoch erstmal: Was macht die irische Regierung mit dem Geld, dass sie mir abknöpft?

Im Moment sehe ich immer noch keinen echten Plan, das Land aus der Krise zu manövrieren. Das ist mein grösstes Problem angesichts des nahenden Budget. Nicht die Einsicht, dass wir alle den Gürtel enger schnallen dürfen werden. Sondern die Angst, dass das gesparte oder gewonnene Geld wieder irgendwo verpufft. Dass mein Brötchen dafür draufgeht, dass irgendein Provinzpolitiker am Paddy's Day in Philadelphia Lachshäppchen speisen kann. Oder dass die irische Luftwaffe Parlamentarier zu Besichtigungsflügen über die Flutgebiete mitnimmt, statt die Helikopter für dringendere Aktionen freizuhalten. Oder dass NAMA die Banken rettet, während meine eigene mortgage teurer wird ... gut, das steht nun nicht unbedingt in direktem Zusammenhang, ist aber weit verbreitetes Denken.

Vertrauen in Politiker? Hatte ich irgendwie eh noch nie ... aber ich sehe sie als notwendiges Übel, um die Zivilisation einigermassen im Griff zu halten.

Anyway ... zurück zu den ungelegten Eiern, die allenorts begackert werden. Ferienhausbesitzer aus Bottrop machen sich schon Sorgen, ob Brian Lenihan ihr Anwesen in Ballybumfugg noch höher besteuern will (wobei sie sich immer noch überlegen, wie sie um die Zahlung der lange fälligen € 200 herumkommen). Hausbesitzer in Ballygobackwards diskutieren die mögliche Haus- und/oder Grundsteuer, die irgendwann kommen könnte. Ökos träumen von einer harten Ökosteuer. Autohändler träumen von einer Abwrackprämie. Autofahrer erschauern beim Gedanken an noch mehr Mineralölsteuern. Betreiber von privaten Kindergärten leben mit der ständigen Angst, den Urlaub auf den Malediven verkürzen zu müssen, wenn € 1000 Monatsgebühr für Eltern Dank besteuertem Kindergeld nicht mehr tragbar sind. David McWilliams ist augebucht und fragt sich nur noch, wie er einen neuen Bestseller nachschieben kann.

Viele bekommen es mit der Angst zu tun, dass der Celtic-Tiger-Lebensstil sich tatsächlich post mortem nicht halten lässt. Manche wundern sich, was nach den Celtic Brats angeblich alles "lebensnotwendig" sein soll ...

Warten wir's ab. Es wird nicht einfach werden. Aber es wird auch nicht einfacher, wenn man sich vorher laufend in die Hosen macht.

Neulich, am Killinure Point ... die Zukunft des Urlaubs auf Irlands Inland Waterways?

Eine oft gehörte Reaktion in Irland auf das Thema "Global Warming" (so es das denn wirklich gibt ... ich weiss) ist: "Ah, shure it'll be great, at least we'll have warmer weather then and not have to fly to Spain anymore!" Optimismus ist gut, das Glas ist halb voll, positives Denken fördert das "cosmic ordering".

In diesem Sinne - sehen wir doch alle das Gute am derzeitigen Wetter und Irlands Fluten:

Ist hier Rüdiger am Ruder?
Die Admiralskajüte ist für die Jungfernfahrt schon vorreserviert, sorry ...

Montag, 30. November 2009

Bitte, bitte, lasst uns mitspielen ...

Als irische Provinzpolitiker allen Ernstes vorschlugen, dass auf dem Lande liberalere Alkoholgrenzen gelten sollten, weil a. sonst die alten Bauern vereinsamen und b. culchies sowieso besser besoffen fahren als Stadtbewohner ... ja, in dem Moment dachte ich, der Gipfel sei erreicht. Aber nein. Fast wöchentlich überrascht mich ein neuer Blick in die Abgründe des Wahnsinns. Nun kommt die Football Association of Ireland daher und will nach dem Va-va-voom-Handspiel doch noch mit nach Südafrika. Und da das nunmal nicht möglich ist, Schiedsrichterentscheidung final und da sei Sepp Blatter vor, kommt man nun wieder auf eine irische Lösung für ein irisches Problem:

Statt 32 Mannschaften sollte man doch 33 nach Südafrika einladen. Also die 30 Qualifizierten, den Gastgeber, den Weltmeister und Irland. Wie Sepp Blatter sagt:

They have asked for that, really.
Aus dieser Formulierung mag nun der Spötter etwas Unglauben über die Chuzpe bei gleichzeitiger Naivität der FAI heraushören. Der Fan der Boys in Green dagegen hört einen Weg, wie man Irlands gottgegebenes Recht auf die Teilnahme an der Fussball-WM doch noch erschleichen könnte.

Gibt es eigentlich bei den Special Olympics auch Fussball?

John Delaneys Bemühungen um eine Gnadenteilnahme Irlands lassen jedenfalls in meinen Augen die Vorbereitungen Nordkoreas auf die WM durchaus unter "sinnvoll und normal" laufen.